„Wenn wir den Zoll jetzt erhöhen, verlieren wir Frankreich – aber Polen zieht mit.“ Konzentrier-tes Flüstern, ein Countdown an der Wand, auf dem Tisch Rohstoffe, Produktionsmittel und eine Spielwährung namens „Trade Coins“: So sahen zwei Tage aus, an denen 85 unserer kaufmännischen Auszubildenden in der schulweiten Europawoche EU-Politik nicht nur disku-tiert, sondern selbst gemacht haben.
Im Projekt „Young Professionals in Europe – Demokratie verstehen, Europa mitgestalten, Be-rufsperspektiven entwickeln“ verhandelten Auszubildende aus dem ersten und zweiten Ausbil-dungsjahr der Bildungsgänge Groß- und Außenhandelsmanagement, Industriekaufleute und Büromanagement – darunter auch Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Zusatzqualifikation Europakaufleute – Mehrheiten, rangen um Kompromisse und erlebten am eigenen Beispiel, was es heißt, in Europa zu Entscheidungen zu kommen. Bewusst bildungsgangübergreifend. „Wenn unterschiedliche Ausbildungsberufe zusammenkommen, treffen auch unterschiedliche Erfahrungen und Perspektiven auf den Handel aufeinander. Genau daraus entstehen die spannendsten Diskussionen“, sagt Laura Eckert, Auslandsbeauftragte der kaufmännischen Auszubildenden am RMBK und Projektverantwortliche.
Den Auftakt machte das zweite Ausbildungsjahr im Workshop „Global Tariffs“, durchgeführt vom CIVIC Institut – Institut für internationale Bildung. Im Mini-Planspiel führten die Teilneh-menden ihr eigenes Land durch Handelskonflikte und Zollbarrieren: Bündnisse wurden ge-schmiedet, Lieferketten gerieten ins Wanken, eine plötzliche Krise schickte die Strategie gan-zer Teams zurück ans Reißbrett. Dass das keine theoretische Übung ist, sondern Alltag in den Ausbildungsbetrieben, wurde im Verlauf des Tages immer deutlicher.
Der Höhepunkt folgte am Nachmittag: Per Live-Schaltung war die Europaabgeordnete Anna Cavazzini (MdEP) zu Gast im Klassenraum und beantwortete Fragen, die unsere Auszubil-denden zuvor selbst formuliert hatten – EU-Politik aus erster Hand.
Am zweiten Tag wechselte die Bühne nach Kempen, und das Setting wurde geändert: „Global Shift“ – eine Simulation einer Sitzung des Europäischen Rates. Die Auszubildenden des ersten Ausbildungsjahres schlüpften in die Rollen der Staats- und Regierungschefinnen und -chefs der EU-Mitgliedstaaten und verhandelten über internationale Handelsabkommen, strategische Partnerschaften und wirtschaftliche Abhängigkeiten. Dabei galt es, wirtschaftliche Chancen, geopolitische Risiken sowie soziale und ökologische Folgen gegeneinander abzuwägen – ge-nau jene Abwägung, die in Brüssel täglich stattfindet.
„Unsere kaufmännischen Auszubildenden erleben jeden Tag im Betrieb, dass europäische Re-gelungen ihre Arbeit direkt prägen – sei es im Zollwesen, in Compliance-Fragen oder bei Nach-haltigkeitsstandards“, erläutert Kim Nöllenburg, Bildungsgangleiterin am RMBK. „Das Plan-spielformat ermöglicht es ihnen, diese Zusammenhänge nicht nur zu verstehen, sondern die dahinterliegenden Aushandlungsprozesse selbst zu erleben.“
Auch aus Sicht der Teilnehmenden ging das Konzept auf: „Ich hatte vorher das Gefühl, EU-Politik passiert irgendwo weit weg“, berichtet eine Auszubildende im zweiten Ausbildungsjahr. „Aber wenn man selbst am Tisch sitzt und für sein Land verhandeln muss, merkt man erst, wie kompliziert es ist, eine Mehrheit zusammenzubekommen – und wie viele Interessen da am Ende zusammenkommen müssen.“
In den kommenden Unterrichtsstunden werden die Eindrücke beider Tage aufgegriffen und auf die berufliche Praxis übertragen – damit aus zwei intensiven Tagen ein dauerhafter Perspek-tivwechsel wird.
Das Projekt „Young Professionals in Europe – Demokratie verstehen, Europa mitgestalten, Berufsperspektiven entwickeln“ wird von der Landesinitiative Europa-Schecks des Ministers für Bundes- und Europaangelegenheiten, Internationales sowie Medien und Chef der Staats-kanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert.

