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Kategorie: Berichte schulweit

Kempen

Im Zuge des Europa-Tages zum Thema „Litauen“ kam der Botschafter Litauens, S.E. Deividas Matulionis, am 27. und 28. April 2015 an das Rhein-Maas Berufskolleg, um u.a. in der Aula einen Vortrag über seine Heimat zu halten sowie eine von Schülerinnen und Schülern gestaltete Ausstellung über das baltische Land feierlich zu eröffnen. Auch befindet sich gerade eine Gruppe von Praktikanten – allesamt bei Kempener Betrieben im Einsatz – mit Ihren Lehrern zu einem Informationsbesuch am Rhein-Maas Berufskolleg.

Kurz nach seiner Ankunft stand S.E. Botschafter Matulionis für einige Fragen zur Verfügung.

 

Zur Person: Deividas Matulionis (geb. 1963) trat am 23. Oktober 2012 sein Amt als Botschafter der Republik Litauen in Deutschland an. Von 2009 bis 2012 war er Kanzler des litauischen Premierministers Andrius Kubilius. Im Jahr 1986 beendete Matulionis sein Studium an der Fakultät für Industrieökonomie der Universität Vilnius (VU). Anschließend arbeitete er als Dozent am Fachbereich für Theoretische Ökonomie an der VU. 1991 wechselte er ins litauische Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten und hatte dort verschiedene Positionen inne. Von 2001 bis 2006 war Matulionis Bevollmächtigter Sonderbeauftragter in Dänemark und Island. Bevor er im Jahr 2007 Staatssekretär des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten wurde, leitete er die Abteilung Ökonomische Sicherheitspolitik. Matulionis ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er spricht Litauisch, Englisch, Deutsch, Russisch und Dänisch.

(Quelle: Wikipedia)

RMBK: Herzlich Willkommen, Herr Botschafter Matulionis. Gleich zu Beginn natürlich die für uns am Rhein-Maas Berufskolleg sehr bedeutsame Frage: Gibt es in Ihrem Land ein Berufsausbildungssystem, das mit der engen Verzahnung von betrieblicher und schulischer Ausbildung genauso wie in Deutschland strukturiert ist?
 
Matulionis: Ein solches System wie in Deutschland existiert noch nicht, aber wir möchten es natürlich installieren und sind in dieser Hinsicht auf einem guten Weg. Noch liegt der Schwerpunkt auf der theoretischen Ausbildung, doch die praktischen Komponenten werden verstärkt, um der Berufsausbildung mehr Gewicht zu verleihen und eine Gleichwertigkeit von beruflicher und universitärer Bildung herzustellen. Dazu benötigen wir natürlich auch Fördermittel der Europäischen Union.

RMBK: Studieren in Litauen junge Leute in erster Linie oder beginnen sie eine Ausbildung?

Matulionis: Viele Schulabgänger in Litauen bevorzugen es, zu studieren. Es gibt im Moment mehr Studierende als Auszubildende, was die Wirtschaft natürlich vor Probleme stellt. Der Ruf der Berufsausbildung muss unbedingt gestärkt werden, man kann also sagen, dass die Situation in Litauen der in Deutschland sehr ähnlich ist.

RMBK: Wie ist das Deutschlandbild in der jungen Generation Ihres Landes?

Matulionis: Deutschland ist natürlich wegen seiner ökonomischen Kraft Vorbild in meinem Land und dies gerade bei der Jugend. Und die Die Leistungen der deutschen Demokratie seit dem Fall der Mauer beeindrucken besonders. Die deutsche Kultur mit Sprache und Dichtung ist natürlich ein Teil des Bildungskanons.

RMBK: Welche Fremdsprachen lernt man auf litauischen Schulen. Hat das Deutsche eine besondere Relevanz?

Matulionis: Natürlich. Es ist neben Englisch, Russisch und Französisch die wichtigste Fremdsprache in den Schulen unseres Landes. Wobei wir sagen müssen, dass das Interesse am Erlernen der deutschen Sprache nach der Wirtschaftskrise der Jahre ab 2008 ein wenig nachgelassen hat zugunsten des Englischen, was auch damit zu tun hat, dass viele Absolventen ins englischsprachige Ausland gegangen sind. Das Goethe-Institut in Vilnius, der Hauptstadt Litauens, wirbt mit einem breit gefächerten Angebot für den Spracherwerb des Deutschen, aber auch hier wären zusätzliche finanzielle Mittel hilfreich.

RMBK: Gehen viele Ihrer Absolventen nach Abschluss der Ausbildung ins Ausland?

Matulionis: Ja, wie schon gesagt, ist die Auswanderungsquote seit den Jahren 2008 und 2010 gestiegen, aber mit der Erholung der Wirtschaft sehen wir auch hier eine Trendwende. Zuletzt betrug das Wirtschaftswachstum – 2014 – fast 3 % und seit Litauen 2015 der Eurozone beigetreten ist, sehen auch viele gut ausgebildete Nachwuchskräfte in ihrem Heimatland die Chance auf berufliches Fortkommen und Karriere.

RMBK: Zu guter Letzt: Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre eigene Schulzeit?

Matulionis: Sehr gut erinnere ich mich an meinen Deutschunterricht. Ich muss oft an die ersten Versuche, in der Schule Deutsch zu sprechen, denken. Es ist sehr lange her, noch unter der Sowjetherrschaft. Dass ich heute Litauen in Deutschland vertreten darf, ist eine wunderbare Fügung.

RMBK: Herr Botschafter, wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

Schulleiter Dr. Hans-Joachim Kornblum (vierter v.l.) und Botschafter Deividas Matulionis (fünfter v.l.) sowie die Mitglieder des Kooperationsteams in der neuen Mensa.